Ein junger Mann steigt mit einem Fahrrad aus einem RRX-Zug.

Im Austausch Verkehrsforscher über RRX: „Angebot ist attraktiv für neue Nutzergruppen“

Stau auf der Autobahn, Chaos vor der Rheinbrücke, Verspätungen auf der Schiene – mit Blick auf das Thema Mobilität hat das Rheinland in den vergangenen Monaten und Jahren nicht gerade für positive Schlagzeilen gesorgt. Besonders der Raum Leverkusen gilt als Flaschenhals im Verkehrswegenetz des Landes NRW. Verkehrsforscher Dr. Christian Winkler ist sich sicher, dass der RRX zwischen Düsseldorf und Köln für Entlastung sorgen kann.

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NRW gilt als Stauland – besonders auf dem Korridor zwischen Düsseldorf und Köln kommt es häufig zu Staus auf den Autobahnen und Verspätungen auf der Schiene. Warum ist die Verkehrssituation gerade hier so angespannt?

In NRW und insbesondere entlang der Rheinschiene treffen mehrere Faktoren aufeinander, die zu sehr hohen Verkehrsaufkommen auf Straße und Schiene führen. Zum einen handelt es sich um einen hochverdichteten Raum mit zahlreichen Großstädten, die starke wirtschaftliche und soziale Verflechtungen haben. Dies äußert sich verkehrlich besonders durch hohe Pendlerverflechtungen. Der Korridor zwischen Düsseldorf und Köln hat deutschlandweit mit die höchsten Pendlerverkehrsströme. Zum anderen werden diese nahräumlichen Verkehre durch überregionale Verkehre des Personen- und Güterverkehrs überlagert. So liegt der Korridor in der Mitte der europäischen Megaregion „blaue Banane“. In diesem Gebiet befinden sich unter anderem auch die Nordseehäfen und große Industriestandorte in Süddeutschland. Daher laufen sehr große Güterverkehrsströme durch den Korridor zwischen Düsseldorf und Köln – auch über den Hafen Duisburg. Diese Effekte führen zu sehr hohen Verkehrsbelastungen, die zu Staus auf der Straße und Verspätungen auf der Schiene führen.

Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihrer Forschung mit Verkehrsnachfragemodellen. Geben Sie doch mal einen Ausblick: Nimmt der Verkehr im Rheinland künftig ab, weil die Menschen über die Pandemie hinaus im Homeoffice bleiben und sich das Abendessen nach Hause bestellen oder überwiegt dann doch die rheinische Geselligkeit?

Hierfür lohnt sich zunächst die Betrachtung der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung in der Region, denn die Anzahl der in einem Gebiet lebenden Menschen beeinflusst den Verkehr dort maßgeblich: Die aktuelle Bevölkerungsprognose bis 2030 zeigt für NRW ein heterogenes Bild mit zum Teil starken, regional unterschiedlichen Entwicklungen. Insbesondere für die Städte Köln und Düsseldorf wird aber ein weiterer Anstieg der Bevölkerungszahl erwartet. Das und weitere Faktoren lassen ein weiterhin wachsendes Verkehrsaufkommen erwarten. Ob infolge der aktuellen Pandemie angepasstes Verhalten wie zum Beispiel Homeoffice oder verstärktes Onlineshopping zu Verkehrsreduzierungen führen wird, bleibt abzuwarten – muss aber eher bezweifelt werden. Gerade beim Straßenverkehr wurde das Vor-Corona-Verkehrsniveau letztes Jahr bereits im Sommer wieder erreicht. Und was das Freizeitverhalten angeht, wie beispielsweise ins Restaurant gehen oder Freunde besuchen, erwarte ich langfristig keine großen Änderungen. Das sind Dinge, welche die Leute am stärksten vermisst haben. Die rheinische Geselligkeit wird da wohl überwiegen – nicht nur im Rheinland.

Auch die Rheinländer:innen unterscheiden sich natürlich bezüglich Ihres Mobilitätsverhaltens: Für die einen gehören Lastenrad und Monatsticket schon zum Lifestyle, für andere ist der eigenen Pkw Ausdruck persönlicher Freiheit. Welche Menschen nehmen ein verbessertes ÖPNV-Angebot wie den RRX sofort an und was muss passieren, damit selbst absolute Auto-Enthusiasten die Schiene als Alternative anerkennen?

Ein verbessertes ÖPNV-Angebot kommt als erstes den bisherigen ÖPNV-Nutzer*innen zugute. Sie können bequemer und schneller ihre Wege erledigen, was sie in ihrer Entscheidung für den ÖPNV bestärkt. Aber ein verbessertes Angebot ist natürlich auch attraktiv für neue Nutzergruppen. Für deren Gewinnung ist es wichtig, die Zugangsbarrieren zu reduzieren. Menschen mit Erfahrungen im Umgang mit dem ÖPNV sind hier sicher leichter für eine häufigere Nutzung zu gewinnen als zum Beispiel leidenschaftliche Autofahrer, die bisher kaum Bus oder Bahn gefahren sind. Ein Ansatz für eine leichtere Zugänglichkeit des Systems ÖPNV bietet die zunehmende Digitalisierung des Verkehrs. Auf deren Grundlage wurden bereits zahlreiche Mobilitäts-Apps entwickelt, die zum Beispiel Echtzeitinformationen von Zügen und Bussen bereitstellen. Neben den notwendigen Informationen zur Nutzung ist es aber insbesondere wichtig, den ÖPNV um weitere flexible Angebote wie Leihfahrräder, E-Scooter oder Carsharing für die erste und letzte Meile zu ergänzen. Denn attraktive Zugverbindungen allein bringen nicht viel, wenn die Bahnhöfe vom Wohn- oder Arbeitsort schlecht erreichbar sind. Für die Zukunft werden außerdem sicher auch neue Hygiene- und Sicherheitskonzepte konsequent umzusetzen sein, um das Vertrauen der Menschen (zurück) zu gewinnen, da der ÖPNV während der Corona-Pandemie einen Imageschaden erlitten hat.

Weshalb ist es aus Ihrer Sicht überhaupt wichtig, dass viele Menschen vom eigenen Pkw auf den Umweltverbund umsteigen? Gibt es abseits des Klimaschutzes noch weitere positive Prozesse, die eine Mobilitätswende anstoßen kann?

Neben klimaschädlichen Treibhausgasen durch Verbrennungsmotoren verursachen Pkw weitere negative Effekte: Hierzu zählen unter anderem Lärm und Flächenverbrauch. Eine Reduzierung des Pkw-Verkehrs würde insbesondere in Städten neue Gestaltungsoptionen mit mehr Platz für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen sowie Aufenthaltsräume ermöglichen. Darüber hinaus führt eine verstärkte Nutzung der aktiven Verkehrsmitteln Rad und Fuß kombiniert mit dem ÖPNV auch zu mehr individueller Bewegung. Trotz der positiven Aspekte einer solchen Mobilitätswende hin zum Umweltverbund, wird aber der Pkw auch in Zukunft eine zentrale Rolle im Verkehrssystem spielen.

Sowohl der Personen- als auch der Güterverkehr sollen in den kommenden Jahren stark wachsen. Die Anforderungen an die Infrastruktur sind dabei teilweise unterschiedlich. Was muss aus ihrer Sicht passieren, dass das dafür notwendige Upgrade der Infrastruktur dafür möglichst schnell und effizient umgesetzt wird?

Die bundespolitischen Ziele sehen eine drastische Erhöhung der Verkehrsnachfrage des Personen- und Güterverkehrs auf der Schiene – auch durch Verlagerungen von der Straße – bis zum Jahr 2030 vor. Um dies zu bewältigen sind erhebliche Anstrengungen zur Erhöhung der Netzkapazitäten notwendig. Hierzu zählt unter anderem eine flächendeckende Digitalisierung durch das europäische Zugbeeinflussungssystem ETCS (European Train Control System), die Umsetzung des Deutschlandtakts und die damit verbundenen infrastrukturellen Maßnahmen. Das Ganze muss schnell umgesetzt werden, allerdings haben wir in Deutschland langwierige Planungs- und Genehmigungsprozesse, die beschleunigt werden müssen. Diese Problematik ist der Politik bewusst und es wurden bereits Maßnahmen zur Beschleunigung verabschiedet. Ob das reicht, bleibt abzuwarten. Neben notwendigen Neu- und Ausbaumaßnahmen, insbesondere im Schienenverkehr, muss aber vor allem auch der Erhalt der Infrastruktur weiter in den Blickpunkt gerückt werden. Ein mahnendes Beispiel im Straßenverkehr ist die Rheinbrücke Leverkusen.

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Dr. Christian Winkler

... ist seit März 2019 kommissarischer Leiter der Abteilung Personenverkehr am Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Zuvor leitete er seit November 2013 die Gruppe Verkehrsmodellierung der Abteilung. Die Schwerpunkte der Projekt- und Forschungsarbeiten bilden sowohl Weiterentwicklungen und Anwendungen von Verkehrsnachfragemodellen als auch die ökonomische Wirkungsabschätzung von Maßnahmen und Szenarien in Form von Nutzen-Kosten-Analysen.

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